Manchmal beginnt ein neues Kapitel nicht mit einem Entschluss, sondern mit einem Bruch. Ein Gespräch, das alles verschiebt. Ein Satz, der hängen bleibt. Und plötzlich steht man da – mit Fragen, Wut, Leere. Genau an diesem Punkt setzt „Benefiz“ an. Still, eindringlich und mit einem Blick, der nah bei seinen Figuren bleibt.
Der Roman von Sabine Lehmbeck erzählt von acht Frauen zwischen 17 und 76 Jahren. Acht Leben, acht Perspektiven. Jede bringt ihre eigene Geschichte mit: Träume, Abhängigkeiten, Ängste, Glücksmomente. Und jede steht vor der gleichen Frage: Was können wir selbst verändern – und was nur gemeinsam?
Acht Frauen, viele Leben, ein Netz aus Beziehungen
Im Zentrum steht Karla. Nach einem einschneidenden Gespräch gerät ihr Selbstbild ins Wanken, ihre Identität zerbricht. Zwischen Wut und Orientierungslosigkeit flüchtet sie zu ihrer Halbschwester Jette nach Leipzig. Nicht, um Antworten zu finden – sondern erst einmal, um Luft zu holen.
Parallel kämpft Hanne, die Matriarchin der Familie, mit dem Zusammenbruch ihres Mannes Georg. Seine Spielsucht hat die Familie finanziell und emotional an den Rand des Ruins geführt. Die Töchter Bea, Eva und Fritzi stehen ebenfalls an Wendepunkten: als engagierte Anwältin, als Ex-Süchtige, als alleinerziehende Mutter. Ihre Lebensrealitäten unterscheiden sich – und berühren sich doch immer wieder.
Was Lehmbeck daraus webt, ist kein lineares Familiendrama, sondern ein vielstimmiges Porträt weiblicher Schicksale, das zeigt, wie eng persönliche Krisen, familiäre Loyalitäten und gesellschaftliches Engagement miteinander verwoben sind.
Leipzig als Ort des Dazwischen
Leipzig ist in „Benefiz“ mehr als ein Schauplatz. Die Stadt wird zum Möglichkeitsraum. Für Jette, Kunststudentin in Leipzig, ist sie längst Heimat geworden. Für Karla wird sie zum Zufluchtsort – zu einem Ort, der Freiheit verspricht, ohne sie einzufordern. Spaziergänge durch den Clara-Zetkin-Park, Wege entlang des Karl-Heine-Kanals, Streifzüge über die Karli: Leipzig steht in Karlas Situation für Aufbruch, Bewegung, neue Perspektiven.
Diese Stadt erlaubt es, kurz stillzustehen und trotzdem nach vorn zu schauen. Genau darin liegt ihre Stärke – und genau darin liegt auch ihre literarische Kraft im Roman.

Solidarität als leise Kraft
Ein Benefizfestival für iranische Frauenrechte bildet den gesellschaftlichen Rahmen der Geschichte. Hier treffen private Lebensentwürfe auf politisches Engagement. Idealismus auf Realität. Hoffnung auf Widerstände.
Als ein tragischer Unfall das Festival überschattet, wird deutlich, was der Roman immer wieder verhandelt: Solidarität ist nichts Abstraktes. Sie zeigt sich im Aushalten, im Dableiben, im Nicht-Wegsehen. Und darin, Leidenschaften nicht aufzugeben – auch dann nicht, wenn alles dagegenzusprechen scheint.
Ein Roman über Zusammenhalt – ohne Pathos
Sabine Lehmbeck erzählt ruhig, klar und aufmerksam. „Benefiz“ ist kein lauter Roman, kein dramatisches Crescendo. Seine Stärke liegt im genauen Hinschauen, im Ernstnehmen weiblicher Lebensrealitäten, im Verzicht auf einfache Antworten.
Es ist ein Buch über Familiengeheimnisse und Neuanfänge. Über Brüche, die weh tun – und über Gemeinschaften, die tragen können. Und nicht zuletzt: ein Buch, das Leipzig als Stadt der Offenheit, der Bewegung und der literarischen Resonanz spürbar macht.

Wann? Wie? Wo?
BENEFIZ
Ultraviolett Verlag
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