Ein Film, gedreht mit einem Sony Ericsson aus den späten Nullerjahren. Wiederentdeckte MiniDV-Kassetten. Bilder einer Überwachungskamera. Ein sowjetischer Stummfilm, dessen Sound im UT Connewitz live neu entsteht. Und ein Kino, das kurzerhand in einen Truck auf dem Rabet zieht.
Vom 10. bis 20. September 2026 wird in Leipzig wieder GEGENkino gefeiert – und schon diese wenigen Beispiele verraten ziemlich gut, warum dieses Festival seit zwölf Ausgaben einen besonderen Platz in der Leipziger Kinolandschaft besetzt. Hier geht es nicht nur darum, welche Filme wir sehen. Sondern darum, wie wir sie sehen – und was Kino eigentlich alles sein kann.
Kino gegen die Sehgewohnheit
Der Name ist beim GEGENkino durchaus Programm. Nur richtet sich dieses „Gegen“ nicht einfach gegen Mainstreamkino oder große Produktionen. Seit 2014 sucht das kollektiv organisierte internationale Filmfestival nach Arbeiten, die im regulären Kinobetrieb leicht übersehen werden: nach eigenwilligen ästhetischen Positionen, wenig sichtbaren Geschichten, marginalisierten Perspektiven und Schätzen des internationalen Kinos, die sonst womöglich nie auf einer Leipziger Leinwand landen würden.
Dahinter steckt eine grundsätzliche Neugier darauf, was Film sein kann. GEGENkino möchte festgefahrene Sehgewohnheiten herausfordern – und denkt deshalb auch die klassische Filmvorführung weiter.
Ein Film kann hier auf 16 oder 35 Millimetern rattern, Teil einer Installation werden oder live vertont werden. Performances, Filmgespräche, Lectures und Diskussionen gehören ebenso zur Festivalgeschichte wie das gemeinsame Sitzen vor der Leinwand.
Wenn das schlechte Bild die große Leinwand bekommt
2026 wird dieser Gedanke besonders sichtbar – oder besser gesagt: verpixelt. Ausgangspunkt des diesjährigen Schwerpunkts POOR IMAGES ist Hito Steyerls Essay „In Defense of the Poor Image“ aus dem Jahr 2009. Darin beschäftigt sie sich mit jenen Bildern, die kopiert, komprimiert, heruntergeladen, bearbeitet und weitergegeben werden – Bilder, deren Qualität auf ihren Wegen häufig leidet und deren Existenz gleichzeitig viel über politische, soziale und kommerzielle Bedingungen erzählt.
GEGENkino richtet den Blick deshalb dieses Jahr ganz bewusst auf unreine und fehlerhafte Bilderwelten. Auf Bilder, deren vermeintliche Mängel aus kleinem Budget oder technischen Einschränkungen entstanden sind – aber ebenso aus Zeitgeist, Widerstand oder einer bewussten künstlerischen Entscheidung.
Und plötzlich wird eine ziemlich alltägliche Frage interessant: Warum erwarten wir eigentlich, dass ein Bild möglichst scharf, hochauflösend und technisch perfekt sein muss, um auf eine große Leinwand zu gehören?
Pixel können Geschichten tragen
Wie unterschiedlich die Antworten darauf aussehen können, zeigt das Festivalprogramm.
Für DRY LEAF drehte Aleksandre Koberidze mit einem Sony Ericsson W595 in Georgien. „MIT HASAN IN GAZA“ entstand wiederum aus wiedergefundenen MiniDV-Kassetten und führt in ein unzerstörtes Gaza des Jahres 2001. In PAST FUTURE CONTINUOUS werden Überwachungskameraaufnahmen aus einem Haus in Teheran zum Material für eine Reflexion über Exil und die Unzuverlässigkeit unserer Wahrnehmung. Und dann ist da A FIDAI FILM: eine künstlerische Wiederaneignung gestohlenen palästinensischen Archivmaterials.
Die Bilder dieser Filme könnten materiell kaum unterschiedlicher sein. Was sie verbindet, ist das Bewusstsein dafür, dass das Material eines Films niemals vollkommen neutral ist. Woher kommt ein Bild? Wer konnte es aufnehmen? Wer besitzt es? Was ist auf seinem Weg verloren gegangen – und was ist vielleicht gerade dadurch entstanden?
Das verpixelte, beschädigte oder technisch begrenzte Bild wird beim GEGENkino damit nicht zum schlechteren Ersatz für die perfekte Aufnahme. Es wird selbst Teil der Geschichte.
Wenn Zuschauen allein nicht reicht
Diese Lust am Experiment endet beim GEGENkino allerdings nicht am Rand der Leinwand. Eine der außergewöhnlichsten Veranstaltungen der diesjährigen Ausgabe kommt aus Wakaliwood, einem Low-Budget-Produktionshaus aus Kampala in Uganda. Für die Deutschlandpremiere von EATEN ALIVE IN UGANDA reist VJ Emmy nach Leipzig und begleitet den Film live mit Stimme und Energie.
Auch das UT Connewitz wird wieder zum Ort eines Abends, an dem Bild und Ton erst im Moment der Aufführung zusammenfinden. Dort flimmert der sowjetische Stummfilm KOSMISCHE REISE über die Leinwand, während Musiker und Klangkünstler FM Einheit, unter anderem ehemaliges Mitglied der Einstürzenden Neubauten, live seine eigenen Geräuschlandschaften dazu entstehen lässt.
Genau solche Abende erzählen ziemlich viel darüber, was GEGENkino unter Film versteht. Die Leinwand ist nicht unbedingt das Ende des Kunstwerks. Der Raum kann dazugehören. Der Klang. Die Menschen vor der Leinwand. Und manchmal entsteht etwas, das sich beim nächsten Screening nicht exakt wiederholen lässt.

Und manchmal passt ein Kino in einen Truck
Dass Kino nicht zwangsläufig einen roten Vorhang und fest montierte Sitzreihen braucht, beweist 2026 auch ein alter Bekannter. Nach einem Jahr Pause kehrt das Milieu Kino aus Wien nach Leipzig zurück. Das mobile Kino zieht mit seinem Truck aufs Rabet und bringt dort vergessene Trash-Perlen und Kinderprogramme auf die Leinwand.
Das passt erstaunlich gut zu einem Festival, das seit seiner Gründung immer wieder danach fragt, wo und wie bewegte Bilder erlebt werden können. Gleichzeitig öffnet der Truck noch eine andere Tür zum GEGENkino. Denn so theoretisch Begriffe wie Bildpolitik, Materialität oder Wahrnehmung zunächst klingen können: Man muss vorher kein filmwissenschaftliches Seminar besucht haben, um neugierig auf ungewöhnliches Kino zu sein. Man darf auch einfach auf dem Rabet in einen Truck steigen und schauen, was passiert.
Zwischen Connewitz, Plagwitz und Rabet
Seine Heimat hat das GEGENkino trotzdem seit vielen Jahren an drei Leipziger Orten. Das UT Connewitz, das Luru Kino in der Spinnerei und die Schaubühne Lindenfels bilden seit den Anfängen die festen Spielstätten des Festivals. Über die Jahre kamen immer wieder weitere Kooperationsorte hinzu – vom Institut für Zukunft über die Hochschule für Grafik und Buchkunst und das GRASSI Museum bis zur Paul-Gerhardt-Kirche.
Auch das gehört zur Idee hinter dem Festival: Film nicht ausschließlich dort stattfinden zu lassen, wo Kino ohnehin erwartet wird. Rund 1.000 Zuschauer:innen besuchen das GEGENkino nach eigenen Angaben jährlich. Es ist damit kein riesiges Festival – und vielleicht ist gerade das ein Teil seines Charmes. Zwischen internationalen Gäst:innen, experimentellen Arbeiten und ziemlich großen Fragen bleibt Raum für Gespräche und Begegnungen.
Elf Tage, um ein bisschen anders zu sehen
Natürlich gibt es vom 10. bis 20. September noch sehr viel mehr zu entdecken: aktuelle internationale Festivalfilme, Experimentalfilm aus Österreich, Wiederentdeckungen, Kurzfilmprogramme und mehrere Filmschaffende, die ihre Arbeiten persönlich in Leipzig vorstellen.
Aber vielleicht muss man die gesamte Liste gar nicht kennen, bevor man sich für GEGENkino entscheidet. Vielleicht reicht die Lust auf einen Film, dessen Titel noch nie auf der eigenen Watchlist stand. Auf ein Bild, das eigentlich viel zu verpixelt für die große Leinwand scheint. Auf einen Projektor, den man arbeiten hört. Oder einen Filmabend, bei dem vorher noch nicht vollkommen klar ist, wie er sich am Ende anfühlen wird.
Denn seit zwölf Ausgaben stellt GEGENkino im Grunde immer wieder dieselbe schöne Frage: Was passiert, wenn wir Kino nicht so sehen, wie wir es gewohnt sind?
Wann? Wie? Wo?
GEGENkino #12
Internationales Filmfestival
10.–20.09.2026
UT Connewitz
Luru Kino in der Spinnerei
Schaubühne Lindenfels
Milieu Kino auf dem Rabet
https://gegenkino.de



